Boote und Yachten gebraucht oder neu kaufen?

Aktualisiert: Juli 26

Die werftneue Yacht


Der Wunsch nach einer werftneuen Yacht ist sehr verständlich. Alles funktioniert, alles ist neu und ohne Gebrauchsspuren, für alle Systeme hat man die Garantie der Werft. Oft kann man gewisse Wünsche hinsichtlich Ausstattung und Ausrüstung von Anfang an mitgestalten.

Diese Vorstellung ist attraktiv, jedoch wird der erfahrene Bootseigner über den einen oder andern Aspekt sicher lächeln müssen.

Auch neue Boote sind selten komplett ohne Probleme und Beanstandungen. Anders als zum Beispiel Autos sind Boote, selbst von einer angesehenen Werft und aus Serienbau, doch immer mit viel Handarbeit verbunden und auch Serien sind, gemessen an den Standards die im Automobilbau üblich sind, doch eher individualisierte Kleinstserien. Wer ein Neuboot kauft, muss regelmäßig damit rechnen, dass es ein halbes Jahr dauert, bis die Liste der kleinen und größeren Unzulänglichkeiten und Gewährleistungsfragen abgearbeitet ist.

Der Vorteil eines Neubootes liegt eben darin dass alle technischen Komponenten mehr oder weniger bei null Betriebsstunden in Dienst genommen werden.

Mit der Inbetriebnahme setzt dann allerdings auch gleich der signifikant größte Teil des Wertverlustes ein.

Ein anderer Aspekt ist die Frage der Vertragsgestaltung. Sie haben also ihr neues Schiff bestellt und angezahlt – Glückwunsch! Doch wer ist Ihr Vertragspartner? Wer schuldet ihnen nur bei Auslieferung und vollständiger Bezahlung ein Schiff? Ist es die Werft oder ein Händler? Gelegentlich kommt es gar nicht zur Auslieferung weil ein Vertragspartner in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Und so mancher Käufer einer größeren Yacht hat, insbesondere beim Kauf eines Einzelbaus von einer kleineren Werft, versehentlich einen Werftbetrieb gekauft um sein - noch unfertiges – Schiff aus der Insolvenzmasse heraus zu bekommen. Auf jeden Fall lohnt beim Kauf einer größeren Yacht, auch angesichts des Umstandes dass es regelmäßig mindestens um solide 6-stellige Beträge geht, eine anwaltliche Begleitung der Vertragsgestaltung. Besonders hinsichtlich der Klärung solcher Fragen wie Eigentumsverhältnissen und der Besicherung des Kaufpreises während der Bauphase beziehungsweise bis zur Auslieferung.



Gebraucht kaufen - Die Alternative zum werftneuen Schiff


Wer sein Schiff gebraucht kauft hat Vor- und Nachteile. Die Invetition für den Kauf ist in aller REgel deutlich geringer, ebenso die Versicherungsprämie für die Kasko die sich nach dem zu versichernden Wert richtet. Ebenso entfällt die Wartezeit bis zur Auslieferung, auch wenn die Kaufabwicklung beim Gebrauchtkauf auch nicht "über Nacht" geht. Andererseits hat ein gebrauchtes Schiff ein Vorleben und sicher auch die einen oder andere "Eigenheit" die Instandsetzung oder Umgestaltung erfordert.


Die Abwägung: Größe gegen Qualität


Hier lauert die gefährlichste Falle. Es ist ganz natürlich dass der Käufer möglichst viel für sein Geld haben will. Und hier ist der größte Fehler den es zu vermeiden gilt. Möglichst viel heißt nicht unbedingt möglichst groß, auch wenn ein Boot oft und gerne ein bisschen größer sein darf als das letzte oder man mit Begeisterung sieht wie viel Schiff man für sein Budget bekommen kann.

Allerdings ist hier auch der Punkt wo man sich selbst noch einmal prüfen sollte – und das geplante Budget! Je größer desto teurer sind die potenziellen Baustellen wie auch die laufende Unterhaltung.

Hier ist immer die bessere Wahl, Qualität über Quantität zu bewerten. Das etwas geräumigere Schiff das vom Design vielleicht auch schicker ist, aber doch etwas leicht gebaut? Das etwas ältere, langsamere aber solide Schiff?

In jedem Fall sollte man auf die Qualität der Maschinen, Installationen und Systeme schauen. Wenn diese ok sind ist vor allem erst einmal der Unterhaltungsstand der kostspieligsten potenziellen Baustellen wie Antriebsmaschinen von größter Wichtigkeit, beim Segelboot auch das Rigg. Es sei denn der Preis ist so überaus günstig dass eine Revision oder ein Tausch dieser Dinge zu rechtfertigen und im Budget ist.


Junge Gebrauchte:


Eine junge Gebrauchtyacht, bei der der Ersteigner den großen Wertverlust der Anfangszeit getragen, die Gewährleistungsabwicklung hinter sich gebracht und ein paar schöne Upgrades ergänzt hat – Ein Traum! Und sicherlich um einiges günstiger als ein Neukauf.

Die ideale Alternative zum Neuschiff wäre vielleicht das nur ein bis zwei Jahre alte Gebrauchte, wenn… ja, wenn sich der Ersteigner bereits so früh von seinem gerade erst erprobten und seinen Vorstellungen und Bedürfnissen angepassten Schiff trennen sollte. Dies dürfte selten der Fall sein.


Jedoch wechseln gerade größere Boote und Yachten recht häufig den Eigner und der typische Bootseigner behält sein Schiff durchschnittlich für gerade einmal 4-5 Jahre. Deutlich jüngere Boote und Yachten wechseln eher aus zwei verschiedenen Gründen den Eigner: Entweder der aktuelle Yachteigner ist in finanziellen Schwierigkeiten oder das Boot hat, warum auch immer, die Erwartungen nicht erfüllt. Also ist bei allzu jungen Gebrauchten aus den verschiedenen denkbaren Gründen besondere Aufmerksamkeit geboten.

Interessant wird es bei den jungen Gebrauchtyachten um 4-5 Jahre. Die Gewährleistungsabwicklung und Beseitigung kleinerer und größerer Mängel ist durch, der erste Eigner hat einen erheblichen Wertverlust hinnehmen müssen und die Ausstattung des Schiffes ist immer noch auf recht aktuellem Stand.


Der bereits nach etwa 4 Jahren vorhandene Preisvorteil gegenüber einem Neuschiff von 30-40% ist jedoch nicht etwa umsonst. Die ersten etwas aufwändigeren Wartungsarbeiten sind fällig, die Maschinen haben je nach Eigner möglicherweise bereits mehrere hundert Betriebsstunden und bei einer Segelyacht ist bereits die erste Garderobe an Fahrtensegeln nicht mehr optimal im Profil.

Aber auch wenn die ersten größeren Wartungen anstehen und diverse Kleingeräte wie beispielsweise die Frischwasserpumpe vielleicht schon das erste Mal getauscht werden dürfen, ist eine junge Gebrauchtyacht für etwa 30-40% unter dem Neupreis sicherlich attraktiv.

Entscheidend ist, dass man bereit ist, im Laufe der nächsten Jahre bis zu 20% des Kaufpreises noch einmal für kleinere Reparaturen, Individualisierungen und Tausch verschlissener Ausrüstung zu investieren wenn man das „neue“ Schiff auf einem guten Unterhaltungsstand haben und halten möchte. Daneben ist es immer sinnvoll, auch noch eine Reserve für überraschend notwendige Reparaturen. Man sollte also beim Gebrauchtkauf sein Budget auf keinen Fall schon mit dem Schiffskauf ausreizen.

Ältere Gebrauchte:


Hier wird es mit zunehmendem Alter schwieriger, allgemeingültige Aussagen zu treffen. Ab einem Alter von etwa 10-15 Jahren sind die Art der Nutzung sowie das Maß und die Qualität der durchgeführten Unterhaltungsarbeiten von wesentlich größerer Bedeutung als das Alter des Bootes oder der Yacht.


Mit zunehmendem Alter steigt auch die Zahl der von Voreignern vorgenommenen Veränderungen. Nicht immer werden diese sachgerecht ausgeführt und dokumentiert.

Auf 15-20 Jahre alten Yachten wurde mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schon mindestens einmal die Navigationselektronik getauscht oder in Teilen modernisiert und ergänzt. Nach solchen Maßnahmen finden sich oft die Verkabelungen der vorherigen Anlage noch im Instrumentenpanel des Fahrstandes. Gerne werden auch weitere Komponenten an bestehenden Versorgungsleitungen und Sicherungskreisen angeschlossen. Nicht immer ist die Zuordnung logisch.

Oft ist gerade bei Booten und Yachten die schon längere Zeit nicht genutzt wurden eine Tankreinigung unumgänglich.

Auch die Batteriebänke sollte man sich sehr genau ansehen. Im Schnitt hat eine Blei-Batterie, egal ob flüssig, GEL oder AGM nach 7-10 Jahren das Ende ihrer nutzbaren Lebensdauer erreicht. Jedoch können Batterien durch etwa unsachgemäße Ladung, längere Lagerung im teilgeladenen Zustand, Tiefentladung oder auch das Erreichen einer bestimmten Anzahl an Ladezyklen auch schon früher zum Austausch fällig werden.


Bei Segelyachten sollte in regelmäßigen Abständen das Rigg, hier insbesondere das stehende Gut, Pressungen an Terminals, Führungen an Salingen und Beschläge geprüft, bei Anzeichen von Verschleiß oder Korrosion an kritischer Stelle wie etwa an den Pressungen der Wanten und Stagen getauscht werden. Ab ca. 10-15 Jahren sollte, gerade bei unbekannter Vorgeschichte oder ehemaligen Charteryachten, das stehende Gut besser auf Verdacht getauscht werden um das Risiko eines Mastbruchs zu vermeiden.


Eine ältere Yacht kann generell dennoch ein lohnender Kauf sein, wenn man den erforderlichen Aufwand bereits beim Kauf angemessen berücksichtigt. Man sollte jedoch den Irrtum vermeiden dass für weniger als ein Viertel des Preises eines Neubootes gleicher Größe ein gleichwertiges Boot zu haben sei. Boote altern nicht nur, auch der Stil ändert sich und auch bei technischer Ausrüstung gibt es immer Innovationen.

Wenn man dennoch ein alterndes Boot in Betracht zieht, ist wichtig zu berücksichtigen, dass die unvermeidbar erforderlichen Arbeiten auch Zeit in Anspruch nehmen, sowohl bei der Ausführung als auch für Recherche und das Einholen von Angeboten sowie der Beauftragung und, wo nötig, Beaufsichtigung der Arbeiten. Man wird also nicht nur Geld, sondern eben auch einiges an eigener Arbeitszeit investieren müssen. Auch ist mit den nötigen Arbeiten natürlich ein gewisses Maß an Nutzungsausfall verbunden.


Die Entscheidung für ein älteres Boot ist, je nach Zustand, also auch eine Frage des persönlichen Engagements und der Qualifikation und man sollte sich sicher sein, dass man den damit verbundenen Aufwand auf sich nehmen möchte.

Für eine realistische Einschätzung von Aufeand und Budget lohnt sich oft die Hilfe eines Gutachters.

Wer nicht die Zeit aufbringen kann, sich um ein eventuell umfangreicheres Projekt zu kümmern, sollte in Erwägung ziehen, für die erforderlichen Arbeiten eine Bauaufsicht zu beauftragen oder stattdessen auch kleinere Formate jüngerer Baujahre mit weniger Bedarf an Arbeiten zu berücksichtigen.


Ist ein Schiff das überdurchschnittlich lange im Besitz des verkaufenden Eigners war ein guter Kauf?

Dies lässt sich selten pauschal beantworten. Dafür spricht, dass der bisherige Eigner offenbar sehr lange mit seinem Schiff wirklich zufrieden war. Ein guter Grund um noch etwas genauer hinzusehen ist sicherlich der Umstand dass das Schiff lange nach den Vorstellungen des Eigners unterhalten wurde, ohne dass zwischenzeitlich eine Bewertung dieser Praxis durch Dritte (Käufer oder Gutachter) stattfand. Manchmal schleicht sich als Standard für Nachrüstungen und Unterhaltung ein „Hauptsache funktioniert irgendwie“ ein.

Mancher installiert nette Gadgets wo das Unterhaltungsbudget besser für die Substanzpflege verwendet wäre. Der neue Kartenplotter ist sicher schön, aber wenn die Fenster lecken und den edlen Holzinnenausbau ruinieren wäre vielleicht ein Teil des Budgets an anderer Stelle besser verwendet worden.

Wichtig ist, dass man sich nicht von einer tollen Ausstattung blenden lässt, sondern in erster Linie solide Substanz und Schiffsbetriebstechnik kauft. Von Polstern über Navigationselektronik bis zum Grill an Deck lässt sich alles nachrüsten, aber zum Beispiel Schäden wie ein rotter Sandwichkern im Deck durch unsachgemäße Installation von Beschlägen etwa oder vernachlässigte Antriebsmaschinen, verbastelte Elektrik oder vergammelte Tanks sollten nicht erst nach dem Kauf als teure Überraschungen auftauchen. Hier lohnt der Kauf gesunder Substanz mehr als die Ausstattung mit teuren Gadgets.


Das entscheidende Kriterium sollte immer eine qualitativ gute Substanz und angemessene Unterhaltung sein.

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